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Rede von Oberbürgermeisterin Helma Orosz
zur Kranzniederlegung am Heidefriedhof

13. Februar 2010

Liebe Dresdnerinnen und Dresdner,
liebe Gäste unserer Stadt,
sehr geehrter Herr Landtagspräsident,
Herr Ministerpräsident,
Exzellenzen,


Helga Jüster durchlebt heute einen Tag, der eine  entscheidende Etappe ihrer Lebensbahn beendet und zugleich die Chance birgt, ein neues Lebens-Stück zu erobern. Gemeinhin macht ein solcher Tag den Menschen ein wenig traurig, verbreitet aber auch Feierstimmung.

Ob Helga Jüster ebenso empfindet?

Helga Jüster, geborene Krüger, war zu dieser Vormittagsstunde vor 65 Jahren sechs Stunden alt.

Ihre Mutter schlief erschöpft von der Geburt oder wiegte ihre Helga und schaute ein wenig verzagt durchs Fenster ihres Zimmers in der Johannstädter Kinderklinik.

Draußen, da war es bitterkalt, es wurde nur mühsam hell.

Da war Fasching, Faschingsdienstag.

Draußen war Krieg.

Ein Krieg, der fünfeinhalb Jahre zuvor von Deutschen losgetreten worden war.

Ein Krieg, der zehn Stunden später mit seinen Tatzen nach Dresden greifen, der auch die Johannstädter Kinderklinik niederwalzen würde.

Die kleine Helga überlebte dieses Inferno, tapfere Schwestern und Ärzte retteten sie und andere Neugeborene und einige Mütter aus den Flammen. Die Mutter Helgas war nicht dabei.

Sie starb im Keller der Klinik, ihr Grab fand sie an der Seite anderer Mütter auf dem Johannisfriedhof.

 Die Großeltern hatten die Klinik in Flammen gesehen. Sie suchten noch Wochen später Mutter und Kind. Sie fanden allein das Kind – im Kreischaer Sanatorium.

Irene, die Schwester Helgas, fünfeinhalb Jahre alt, war dabei. Die Babys lagen auf einem langen Tisch aufgereiht. Irene wollte ein Baby mit langen schwarzen Haaren. Doch auf dem Armbändchen stand ein anderer Name. Helga lag daneben.  

Ein Foto von 2002 zeigt die beiden Frauen – nach Jahren der Trennung durch den Kalten Krieg. Sie sehen glücklich aus und sich sehr ähnlich.

Welch ein Leben, welch ein Schicksal. Es ist einzigartig und doch steht es für Millionen.

Wir betrauern heute die Opfer jenes furchtbaren Tages, der der erste im Leben Helga Jüsters war und der letzte im jungen Leben ihrer Mutter.

Neues zartes neues Leben im Angesicht der Vernichtung – die Dresdner „Kinder des 13. Februar“, wie sie sich nennen, stehen dafür und erinnern uns in besonderer Weise daran, was geschehen ist und nie wieder geschehen darf.

Heute gedenken wir mit ihnen,
mit allen Hinterbliebenen
derer, die in jener Dresdner Höllen-Nacht zehntausendfach ihr Leben verloren.
 
Sie haben hier, auf dem Heidefriedhof, oder irgendwo in diesem zerschundenen Dresden ihre letzte Ruhe gefunden.

Wir legen Kränze an ihren Gräbern nieder, wir erinnern an den Untergang unserer wunderbaren Stadt. Und wir  gedenken damit zugleich aller Opfer
dieses verdammten Krieges,
der von deutschem Boden aus in die Welt getragen wurde,
der Millionen Menschen den Tod brachte,
und der nur Dank des Sieges der Opfer über die Täter, über Nazi-Deutschland ein Ende fand.

Dies zu sagen,
immer wieder
und gerade hier zu sagen,
das ist für uns Nachgeborene eine stete Verpflichtung.

Ja, wir werden und wir dürfen das Vergangene nicht vergessen – weil wir Vergebung suchen und verstehen wollen.

Wer, 
wie diese Nazi-Typen,
die an diesem Tag unser Dresden belästigen,
Tote mit Toten,
Verlust mit Verlust,
Leid mit Leid aufrechnet,
der will nichts verstehen,
der schändet die Opfer,
der verhöhnt ihr Vermächtnis.

Gleich, ob sie nun jung und dumpf
oder alt und starrsinnig sind,
diese Ewiggestrigen
wollen wir hier nicht sehen,
nicht an dieser Stätte stiller Trauer,
nicht in unserem wieder erstandenen Dresden.

Das werden wir dieser Horde Rechtsextremer heute und immer wieder unmissverständlich klar machen.

Wir werden uns bei den Händen nehmen und aus einzelnen,  schwachen Gliedern eine starke, schützende Kette um  unsere Stadt legen.

Wir wollen bekennen:

Wir Dresdner wehren uns gegen Revanchismus, gegen Hass- und Gewalt-Propaganda.
Wir wollen Versöhnung,
und wir sind all jenen dankbar, 
die mit uns Versöhnung leben.

Lassen Sie uns an diesem Tag,
 da vor 65 Jahren die Schicksalsstunde unserer Heimatstadt schlug,
still Einkehr halten.
Lassen Sie uns zugleich entschlossen dafür kämpfen, was einst verzweifelter Aufschrei und Schwur derer war, die diesen Tag, diesen Krieg, dieses Elend überlebt haben:

Ich danke Ihnen.

 

(Es gilt das gesprochene Wort.)